Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode.

Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt am Main 1988

Persönliche Wertung: 5/5

Hat so ein Buch nach so viel Jahren uns noch etwas zu sagen?

Ist Postmans Befürchtung berechtigt, dass Aldous Huxley recht hatte mit seiner Warnung, die Menschen würden anfangen, die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeit zunichte machen? Dass wir Menschen von Informationen so sehr überhäuft würden, dass wir in Passivität erstarren und in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen würden?

Ich denke ja. Postmans medienkritische Analyse ist immer noch aktuell, sogar mehr denn je. Und brisant in einer Zeit, in der die Menscheit darüber nachdenken müsste, wie sie das Leben auf diesem Planeten so gestalten kann, dass sie ihn nicht über kurz oder lang unbewohnbar macht.

Im ersten Teil seines Buches führt Postman die theoretischen Grundlagen seiner Analyse aus, um danach im zweiten Teil zu zeigen, dass das Zeitalter des Showbusiness begonnen hat, in dem eine ernsthafte öffentliche Diskussion unmöglich geworden ist, so dass das Ideal der Demokratie, die Herrschaft aufgeklärter, mündiger Menschen, die in freiem Diskurs ihre Zukunft diskutieren und gestalten, für immer zu verblassen droht.

Die erkenntnistheoretische Funktion des Mediums

Alle Versuche, unser Wissen von der Welt zu formulieren, müssen davon ausgehen, dass wir keine unmittelbare Kenntnis von der Welt besitzen, sondern eine durch ein Medium vermittelte. Ein kurzsichtiges Auge wird eine andere Welt wahrnehmnen als ein weitsichtiges oder ein “normales”. Die Beschaffenheit des Mediums ist demnach entscheidend dafür, was wir wahrnehmnen. Erst wenn wir wissen, woher ein Medium seine Informationen bekommt, in welcher symbolischen Form und in welchem Kontext es die Informationen weiterleitet, wenn uns klar ist, wie viel und wie schnell Informationen geboten werden, dann können wir beurteilen, wie weitsichtig, normal oder kurzsichtig unser Bild von der Welt ist. So gesehen hat die Analyse eines Mediums eine erkenntnistheoretische Bedeutung.

Was als “wahres” Bild von der Welt angesehen wird, hängt also davon ab, wie es präsentiert wird. Je nach Kultur wird diese Darstellungsform verschieden ausfallen: In mündlichen Kulturen ist Wahrheit etwas Gesagtes. Wahrheit kann aber auch etwas Gesehenes sein oder etwas Gelesenes, Wahrheit kann das Ergebnis logischer Argumentation sein oder eine tiefe Empfindung, Wahrheit kann auch in das Gewand statistischen Zahlenwerks gekleidet sein.

Postman möchte aufweisen, dass die Wahrheit, die das Fernsehen bietet, vernunftwidrig und gefährlich für den öffentlichen Diskurs einer Demokratie ist und dass es die Art und Weise, wie wir uns und die Welt wahrnehmen, entscheidend und unwiderruflich verändert hat (41).

Das Amerika der Bücherleser

In eindrucksvollen Beispielen zeigt Postman, wie sehr die Buchkultur das Amerika des 18.-ten und 19.-ten Jahrhunderts geprägt und einen ernsthaften, rationalen öffentlichen Diskurs hervorgebracht hat.

Was die Buchkultur kennzeichnet, ist ihre Annahme, dass jede schriftliche Äußerung einen Inhalt, einen Sinn und eine Bedeutung hat. Das Lesen eines Buches ist eine ernsthafte Tätigkeit, weil die Bedeutung des Gelesenen verstanden werden will. Und der Leser muss intellektuell wachsam sein, denn Autoren können lügen, übertreiben und gegen die Logik verstoßen. Er ist allein beim Lesen, ohne die Hilfe einer Gemeinschaft, und Sprache präsentiert sich nackt: Buchstaben singen nicht und duften nicht. Die Wahrheit hinter den Buchstaben muss diszipliniert erschlossen werden. Der Leser lernt es, Gedanken zu gewichten, Behauptungen zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen und eine allgemeine Aussage mit einer anderen zu verbinden. (68)

Die neuen Medien: Telegrafie, Fotografie, Fernsehen

Durch die Erfindung der Telegraphie wurde die Buchkultur in ihren Grundfesten erschüttert: In den öffentlichen Diskurs brachen die Dämonen der Belanglosigkeit, der Handlungsunfähigkeit und der Zusammenhanglosigkeit (85) ein. Eine Information wurde zu einer Ware, die man kaufen konnte, die versprach, etwas zu bieten, was “neu, interessant und merkwürdig” war. Tatsächlich erfuhr man dann aber nur, dass Prinzessin Adelheid Keuchhusten habe.

Belanglosigkeiten wurden in den Rang von Nachrichten erhoben, Ereignisse, die mit sex and crime zu tun hatten und nach human interest rochen, Unfälle, Feuersbrünste, Überschwemmungen und Katastrophen aller Art drängten sich als Brennpunkt in den Vordergrund. Die Telegraphie hob den Raum auf und die Welt wurde zu einem Weltdorf, zu einer einzigen großen “Nachbarschaft”. Von nun geht jeden alles an, aber im Gegensatz zu dem Nachbarn im Dorf, den man besuchen konnte, bleibt im Weltdorf nur die Ohnmacht der Handlungsunfähigkeit übrig: Was kann der einzelne schon tun, um die Truppen Assads in Syrien davon abzuhalten, ganze Städte zu beschießen?

Und kaum ist eine Botschaft übermittelt, folgt schon blitzartig die nächste. Wer will und kann dann noch die so übermittelten Fakten überprüfen oder in einen Kontext einordnen? Ihre Folgen, Hintergründe oder Zusammenhänge verstehen? Die Welt wird zerhackt und atomisiert zu zusammenhanglosen Bruchstücken, die für das Leben des einzelnen keine Bedeutung mehr haben.

Durch die Kombination mit dem fotografischen Bild wird die Zerstückelung der Welt noch beschleunigt, denn die Fotografie zeigt nur Fakten und behauptet dokumentarisch, das da ist Wahrheit. Aber erst Sprache macht diese Wahrheit der Fakten begreiflich und stellt sie in den Zusammenhang einer “hintergründigen” Wahrheit.

Das Fernsehen als Kombination von Fotografie und Telegrafie steigert Entfremdung und Zusammenhanglosigkeit im öffentlichen Diskurs aufs äußerste, denn Bild und Augenblicklichkeit fanden Eingang in die Privatsphäre und setzten sich an die Stelle der Buchkultur. An die Stelle konzentrierten Lesens trat die Sucht nach Unterhaltung.

Die neue Kultur: Amusement und Unterhaltungsindustrie

Das Fernsehen als neues Leitmedium kommt dem Wunsch nach Unterhaltung perfekt entgegen: Es bietet dem Zuschauer “eine Vielfalt von Themen, stellt minimale Anforderungen an das Auffassungsvermögen und will vor allem Gefühle wecken und befriedigen.” (109) Ein bisschen Abwechslung tut jedem gut, aber das Problematische am Fernsehen ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert, es mag so ernst und aufrüttelnd sein, wie es will.

Ernsthafte Debatten werden so dargeboten, dass sie den Zuschauer nicht überfordern: Jeder Debattenteilnehmer bekommt eine kurze Zeit zugeteilt, etwas zum “Thema” zu sagen, aber niemand fühlt sich verpflichtet, auf den Beitrag eines Vorredners, der vor 15 Minuten, stattfand, dann auch einzugehen. Es ist vielmehr Ziel eines Redners, in möglichst kurzer Zeit möglichst großen Eindruck zu schinden. Im Diskussionsteil einer “Debatte” gibt es keine Folge von Argumenten und Gegenargumenten, “kein sorgfältiges Abwägen von Voraussetzungen, keine Erklärungen, keine ausführlichen Darlegungen, keine Definitionen”. Die Aufgabe des Moderators besteht hauptsächlich darin, die Redezeit zwischen den Gesprächsteilnehmern gerecht zu verteilen, und die “Debatte” in Gang zu halten. (113)
Sollte ein Gesprächsteilnehmer sagen: “Lassen Sie mich darüber nachdenken …” oder “Ich weiß nicht”, dann erscheint er unsicher und die “Debatte” verliert an Spannung. Im Fernsehen Menschen zu zeigen, die nachdenken, ist unter dem Unterhaltungsaspekt das Langweiligste überhaupt, es sei denn, es wird eine Satire-Sendung geplant.

Wer hohe Einschaltquoten will, muss Komplexität vermeiden und auf Nuancen verzichten, muss auf visuelle Stimulierung setzen und nicht zuviel Wert auf sprachliche Genauigkeit legen.

Die Fernsehwerbung als Leitbild der öffentlichen Meinungsbildung

Im Werbespot kommt nach Postman am deutlichsten das Wesen des Fernsehens zum Ausdruck: Statt eine rationale Prüfung des beworbenen Produkts anzubieten, setzt ein Werbespot am emotionalen “appeal” an und zeigt damit deutlich, dass der Kapitalismus hat seine durch die Aufklärung bedingte Grundlage verloren hat: Denn die Theorie des Kapitalismus beruhe “auf der Idee, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer hinreichend erwachsen, informiert und verständig sind, um sich auf Geschäftsbeziehungen einzulassen, die im beiderseitigen Eigeninteresse liegen”. (156) Ein Werbespot dagegen liefert keine Informationen, die Basis einer vernunftgesteuerten Kaufentscheidung sein könnten, und die zu logisch überprüfbaren Aussagesätzen führen könnten wie: “Ja, stimmt, in dieser meiner Lebenssituation brauche ich dieses Produkt. Ja, dieses Produkt ist etwas Nützliches und verglichen mit den Vorgängerprodukten ist ein Fortschritt erreicht worden.” Stattdessen wird an die Emotionen des potentiellen Käufers mit künstlichen Psycho-Dramen appelliert: Du bist unglücklich, hässlich, einsam, krank, gemobbt? Schau, dieser Mensch hier hat unser Produkt gekauft, und jetzt ist er glücklich, umworben, fit, erfolgreich … Selbstverständlich trägt Musikuntermalung dazu bei, die Emotionen des Zuschauers dabei gesteuert anzuregen.

Wenn die Mentalität eines Werbespots auf den öffentlichen politischen Diskurs durchschlägt, etwa bei Wahlkämpfen, dann ist die Demokratie in Gefahr, geht sie doch wie der Kapitalismus davon aus, dass der einzelne Bürger hinreichend erwachsen, informiert und verständig ist, um einen Politiker zu wählen, der das allgemeine Wohl am besten fördert.

Die neue Fernsehkultur der Dauer-Unterhaltung verändere auch den Bereich der Erziehung und Bildung: Das Lernen müsse Spaß machen.

War man sich früher einig darin, dass Lernen ein langwieriger Prozess ist, zu dem Ausdauer und ein gewisses Maß an Schweißarbeit und Disziplin gehören, und bei dem das persönliche Vergnügen in den Hintergrund rückt, so wird zunehmend ein “Fernseh”-Unterricht populär, der Unterhaltung bietet und Langeweile beim Lernen vermeiden soll.

Zur Aktualität der Analyse Postmans

Sieht man sich die Programme der privaten Fernseh-Anstalten an, dann ist festzustellen, dass seine Analyse immer noch gültig ist. Die Situation hat sich sogar insofern verschlechtert, als auch die öffentlich-rechtlichen Sender sich zunehmend auf die Einschaltquoten fixieren, obwohl sie sich über Zwangsgebühren finanzieren und nicht auf Werbeeinnahmen angewiesen sind? Vgl. etwa den Kommentar von Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung):

Sie sollen Informations-, Kommunikations- und Kulturträger sein – sie sind es aber viel zu wenig. Die Programme genügen diesen Ansprüchen nicht; es gibt zu viel Seichtes, zu viel eitles Blabla, zu viel Selbstdarstellung in gigantischen Studios; es gibt fünf Talkshows allein in der ARD pro Woche, in der vor allem die Politiker bedient werden, die dann dafür sorgen, dass es ARD und ZDF finanziell gutgeht. […] Der Bildungsanspruch darf kein lästiges Beiwerk sein (abgeschoben nach Arte, Phoenix und 3sat). Es geht nicht, dass die Programme der Öffentlich-Rechtlichen auf die Werbewirtschaft und damit Massenattraktivität ausgerichtet werden.
www.sueddeutsche.de/medien/neue-haushaltsgebuehr-einen-ochsen-fuer-die-ard-1.1036799

Und unter der Schlagzeile Qualitätsfernsehen in der Quoten-Nische meldet DPA am 30.05.2012, dass der Marktanteil des Fernsehkanals arte in Deutschland konstant bei etwa einem Prozent liegt.

Wie steht es um den öffentlichen Diskurs? Ist der Wahlkampf reduziert auf Plakate und Werbespots? Wie aufgeklärt und mündig wählen die Bürger? Wie engagiert sind sie?

Botho Strauss’ Zeitkritik in seinem neuesten Buch fällt vernichtend aus: Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit. Verlag: Diederichs (21. August 2013)

Aber ganz sicher müsste Postmans Medienanalyse erweitert werden um eine Analyse des Mediums Internet und der weltweiten sozialen Netzwerke, die dadurch ermöglicht werden.

Vgl. hierzu etwa: Uwe Jean Heuser, Denken, wie das Netz es will.

Das Medium ist die Botschaft, lautet eine berühmte These: Erst formt es seine Inhalte, dann seine Nutzer. Jetzt wird die Botschaft des Internets entschlüsselt. Macht es uns dumm? www.zeit.de/2010/39/Medienessay-Internet