Alice Munro, Zu viel Glück.

Frankfurt am Main 2013. Fischer Taschenbuch (Nobelpreis für Literatur 2013)

Persönliche Wertung: 1/5

Der Verlag wirbt auf dem Umschlag mit folgendem Zitat:

»Ich bewundere Alice Munro. Ich bewundere die Direktheit ihres Erzählens, die Nüchternheit und Einfachheit ihrer Sprache. (…) Was für Geschichten, was für ein Werk!« Bernhard Schlink, Die Welt

Wer weiß, dass Bernhard Schlink Autor des fragwürdigen Romans “Der Vorleser” ist, wird sofort ernüchtert sein, und der “Einfachheit der Sprache” Alice Munros äußerst skeptisch entgegensehen.

Auf der offiziellen Nobelpreis-Webseite erfährt man nur, dass sie den Preis erhalten habe, weil sie eine “Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte” sei.

Im Spiegel wird sie zudem als “subtile Meisterin der Beschreibung von Gefühlen, besonders ihrer weiblichen Protagonistinnen” gelobt.1 Der Verlag selbst behauptet selbstvergessen: “Ihre “Einfühlung in die Seele ihrer Figuren weitet ihre Welt in die unsere”.

So sei exemplarisch die erste Kurzgeschichte in diesem Band analysiert, mit dem Titel “Dimensionen”, bei deren Lektüre sich meine Seele – es sei vorweg gesagt – nicht im mindesten geweitet hat:

Nach dem Tod ihrer Hippie-Mutter zieht die 16-jährige Doree zu Lloyd, dem jüngeren Freund ihrer Mutter, mit der er Pop-Konzerte, Protestmärsche und Drogentrips geteilt hatte. Mit 17 wird sie von ihm schwanger und heiratet ihn.

Von ihm erfahren wir wenig: Er hat zwei erwachsene Kinder, zu denen er keine Beziehung hat. Er arbeitet in einer Eiscremefabrik, kann gut gärtnern, tischlern, einen Holzofen bedienen und ein Auto in Gang halten. In der Ehe mit Doree ändert er sich: Er glaubt an Ehe und Beständigkeit, zweifelt aber an der Beständigkeit seiner Ehe mit Doree. Kaltschnäuzig urteilt er über Doree, dass sie eine Hure wie ihre Mutter sei, weil sie ihr Baby zu früh abgestillt habe. Selbstbewusste Frauen wie Maggie, die fröhlich und rechthaberisch ist, beschimpft er als Lesben, und er wird zunehmend reizbar und provozierbar. Als Doree wegen eines Streits eine Nacht bei Maggie bleibt, tötet er zuhause ihre gemeinsamen drei Kinder, “um den Kindern das Leid zu ersparen, von der Mutter verlassen zu werden.”

Wie wird Doree mit diesem Ereignis fertig, wie “subtil” ist die Beschreibung ihrer Gefühle?

Nach einem kurzen Klinikaufenthalt wird sie als stabil entlassen, findet in einer anderen Stadt eine Stelle als Zimmermädchen und besucht eine Psychotherapeutin und entschließt sich nach einiger Zeit aber doch, Lloyd in der Sicherheitsverwahrung zu besuchen. Nach einigen Malen werden es regelmäßige Besuche, ohne Absprache mit ihrer Therapeutin.

Sie fühlte sich während ihrer Ehe mit Lloyd verbunden und hat auch jetzt keine Angst vor ihm. Was sie zusammenhielt, das war die “Wahrheit der Dinge zwischen ihnen, das Verbindende, das konnte niemand anders verstehen, und das ging niemand anders etwas an.” Sie hatte das Gefühl, dass sie ihn verraten würde, wenn sie mit Maggie über Lloyd sprechen würde, und dass dann “alles zusammenbrechen würde”. So hat ihr erster Besuch bei ihm nur den Zweck, dass er zugibt, “wie es wirklich gewesen war. Sie hat niemanden im Stich gelassen.

Sie empfindet noch etwas für ihn, als er ihr traurig sagt, dass sie schön aussieht, denn: “Etwas in ihr wurde weich”. Sogar die Dimension der Liebe taucht bei ihren Besuchen auf, denn sie hat Angst, dass sie bei einem Besuch etwas Unerträgliches hören könnte, “womit sie nicht fertig werden konnte, wie dass er sie immer noch liebte. ‘Liebe’ war ein Wort, das sie absolut nicht hören konnte.” (35)

Es bleibt aber unklar, ob sie schon immer nicht lieben konnte, ob der Tod ihrer Kinder jeden Gedanken an Liebe unerträglich hat werden lassen oder ob sie den Gedanken nicht ertragen kann, Lloyd zu lieben.

Sie fühlt sich innerlich tot und stellt nüchtern fest, dass sein Wunsch, sich nicht in ihr Leben einzumischen, irrelevant ist, denn sie wüsste nicht, in welches Leben er sich da einmischen könnte.

Die Wende vom großen Unglück zum unerwarteten “Glück” tritt ein, als Lloyd ihr zwei Briefe schreibt, in denen er über sich und die “Dimensionen” menschlicher Existenz philosophiert. Er empfindet keine Reue, im Gegenteil. Nüchtern befolgt er die Devise “Erkenne dich selbst”, und während er sein “eigenes Böses” erkennt, stellt er fest, dass er “von der Welt als Ungeheuer verurteilt” wird, aber dass “Männer, die Bomben abwerfen oder Städte niederbrennen oder Hunderttausende von Menschen aushungern und ermorden, nicht allgemein für Ungeheuer gehalten werden, sondern mit Medaillen und Ehrungen überhäuft werden” (34). Ethische Maßstäbe sind bei ihm außer Sichtweite gerückt: “Verrückt. Normal. Ich bin ich.

Er überrascht Doree durch sein Geständnis, dass er die Kinder in einer anderen Dimension gesehen hat, und dass er ganz sicher ist, dass es eine andere oder unzählige andere Dimensionen gibt. Reuelos vermerkt er zufrieden, dass es also eine Gnade gibt, “die nach so viel Leiden und Einsamkeit einen Weg gefunden hat, mir diese Belohnung zu geben.

Doree aber “verspürt jetzt ein Glücksgefühl, daran zu denken, dass die Kinder in einer anderen Dimension leben” und hat “eine Zuflucht, in die sie sich retten konnte”. (38) Ihr Leben erhält einen neuen Sinn: “Wozu war sie sonst da, wenn nicht, um ihm wenigstens zuzuhören? Sie war genauso von allem abgeschnitten wie er.” Dadurch dass er sich wenigstens an die Farben der Augen ihrer Kinder erinnern konnte, fühlt sie sich nicht mehr einsam und von allem Lebendigen abgeschnitten.

Und dieses neue Glücksgefühl lässt sie dann auf der Rückfahrt nach London nach einem Unfall einem Jungen das Leben retten. Statt wie die anderen nur passiv zuzuschauen, wie das Leben aus dem verletzten Jungen weicht, erinnert sie sich an Lloyds Tipps zur Ersten Hilfe und rettet dem Jungen mit einer Mund-Zu-Mund-Beatmung das Leben.

Fazit:

Da in einer Kurzgeschichte kein Raum für feine psychologische Fäden und Entwicklungen ist, muss sich jeder Autor darauf beschränken, entscheidende Situationen im Leben eines Menschen aufzuzeigen, um eine bestimmte persönliche oder gesellschaftliche Problematik aufblitzen zu lassen und den Alltag durchlässig werden zu lassen für eine Sinn-Ebene, die über das persönliche Schicksal hinausweist und uns nachdenklich oder verstört zurücklässt.

Aber so wie das Verständnis, das Bernhard Schlink für die KZ-Aufseherin in seinem Buch “Der Vorleser” aufbringt, nur schwer zu ertragen ist, so ist auch die dumpfe und wehleidige Figur “Lloyd” nur schwer zu ertragen, und nachzuvollziehen, was Doree bis zuletzt mit Lloyd verbindet, gelingt auch nur mit emotionaler Selbstüberwindung. Die spontane Nachdenklichkeit, die sich nach dem Lesen einer guten Kurzgeschichte einstellt, die zur Selbst-Reflexion anregt, will sich nicht einstellen. Zu schrecklich die Einfachheit des Bösen, zu groß der Abstand zu einem Mann, der seine Kinder umbringt ohne Reue, und dabei “höflich und sarkastisch” bleibt. Zu weit ist der Verstehens-Abstand zu einer weiblichen Seele, die den Mörder ihrer drei Kinder besucht, weil sie es als den Sinn ihres Lebens sieht, “ihm wenigstens zuzuhören”. Zu gnadenlos die Einstellung: “Verrückt. Normal. Ich bin ich.

Liebesunfähige, einsame Menschen, die nicht einmal mehr verzweifelt sind über die Sinnlosigkeit in ihrem Leben, deren einzige Glücksquelle die Überzeugung ist, dass es andere Dimensionen als die der realen gelebten Existenz gibt, die keinen Ansatzpunkt zur Identifikation bieten – Wer braucht so etwas? Wer genießt so etwas?

1 http://www.spiegel.de/kultur/literatur/literaturnobelpreis-2013-geht-an-alice-munro-a-927029.html