Doris Lessing: Afrikanische Tragödie

Frankfurt am Main, 1982. Fischer Verlag, 16. Auflage

Persönliche Wertung: 2/5

Fazit: Der Roman zieht sich furchtbar in die Länge. Nach dem ersten Kapitel vermutet man, dass das Geheimnis der Ermordung Mary Turners gelüftet wird. Aber das geschieht nicht. Weder wird deutlich, warum Moses Mary Turner umgebracht hat, noch, warum sie gegen Ende wusste, dass Moses sie umbringen würde. Eine Identifikation mit Mary ist unmöglich. Zu schrecklich die mitleidlose Darstellung ihres Versinkens in Stumpfsinn und Apathie. Die Bedeutung des Originaltitels bleibt bis zuletzt unklar: The Grass Is Singing

Dieser Roman will nicht fesseln, Spannung erzeugen. Was dann? Zeigen, wie ein Charakter reift in einer tragischen Situation, wie er sich darin bewährt? Nein. Im Grunde beschreibt er nur unbeteiligt den Niedergang einer Ehe in einer britischen Kolonie in Afrika …

Die deutsche Übersetzung deutet an, dass die Ermordung Mary Turners der Endpunkt einer Tragödie ist. Legt man Hegels Definition des Tragischen zugrunde, so ist zu fragen, welche Entscheidung sie gefällt hat, deren Konsequenzen sie nun unausweichlich ins Verderben führen werden?

Daher dürfen wir denn auch das Interesse für den tragischen Ausgang nicht mit der einfältigen Befriedigung verwechseln, daß eine traurige Geschichte, ein Unglück als Unglück, unsere Teilnahme in Anspruch nehmen soll. Dergleichen Kläglichkeiten können dem Menschen ohne sein Dazutun und Schuld durch die bloßen Konjunkturen der äußeren Zufälligkeiten und relativen Umstände, durch Krankheit, Verlust des Vermögens, Tod usw. zustoßen, und das eigentliche Interesse, welches uns dabei ergreifen sollte, ist nur der Eifer, hinzuzueilen und zu helfen. Vermag man dies nicht, so sind die Gemälde des Jammers und Elends nur zerreißend. Ein wahrhaft tragisches Leiden hingegen wird über die handelnden Individuen nur als Folge ihrer eigenen, ebenso berechtigten als durch ihre Kollision schuldvollen Tat verhängt, für die sie auch mit ihrem ganzen Selbst einzustehen haben.
(G.W.F. Hegel Vorlesungen über die Ästhetik III. URL: http://www.textlog.de/5863.html)

Marys innere Leere

Marys Entscheidung zu heiraten ist der Versuch, ihre “Gelassenheit” (49) gegenüber Männern wiederzufinden. Nicht Selbsterkenntnis und der Versuch, sich zu finden und zu verwirklichen, ist das Motiv ihrer Heiratsabsicht, sondern die Meinung ihrer Freunde über sie: “Wenn ihre Freunde glaubten, sie könne sich verheiraten, dann war wohl etwas daran.” (47)

Rückblickend, kurz vor ihrer Ermordung, erkennt sie: “Was hatte sie denn getan? Nichts nach eigenem Willen, aus freiem Entschluẞ”. (235)

Die Individualperson Mary Turner tritt zurück zugunsten eines Typus des modernen, nihilistisch angehauchten Menschen, der, eingebunden in das Räderwerk gesellschaftlichen Seins, seine Mitte verloren hat und nun wie eine Hülle in einer sinnentleerten Welt funktioniert:

“Sie fühlte sich innerlich hohl, leer und in diese Leere ergoß sich aus dem Nichts ein grenzenloses Entsetzen, als gebe es nichts in der Welt, was ihr einen Halt bieten könnte.” (49)

Verschlimmert wird diese Situation der Sinnleere dadurch, dass die mediale Wirklichkeit des “modernen Menschen”, der in der künstlichen Realität der Stadt lebt, zunehmend an Präsenz und Eindringlichkeit gewinnt, bei Mary durch die Bilder, die das Hollywood-Kino mit seiner verzerrten Realität liefert:

“[…] ging sie jetzt noch regelmäßiger ins Kino als früher und kam fiebernd und aufgeregt heraus. Es schien keinerlei Zusammenhang zwischen dem verzerrten Spiegelbild auf der Leinwand und ihrem eigenen Leben zu bestehen; das, was sie ersehnte, und das, was sich ihr darbot, paßte nie zusammen.” (50)

Auf der Farm wird Mary mit der echten Realität Afrikas, mit seiner gnadenlosen Sonne und Trockenheit konfrontiert, auf die sie sich aber, im Gegensatz zu Dick, nicht einlassen will. Ihre Welt ist die “zivilisierte” Welt der Stadt, die auf der Ausbeutung der “wilden” Afrikaner gründet, was sie aber aufgrund ihrer “weißen”, privilegierten Erziehung nicht erkennt. Als sie ihren Mann verlassen will und in der Stadt wieder im Büro arbeiten will, erkennt sie: “… ein würziger Wind wehte, und die Sonne strahlte heiter. Selbst der Himmel sah anders aus […] Es war nicht die unerbittliche blaue Kuppel, die sich über der Farm wölbte und sie in die unabänderliche Abfolge der Jahreszeiten bannte. Hier war er von einem weichen Blütenblau, und in ihrer Verzückung glaubte sie, […] in dieses Blau laufen und dort schweben zu können, unbeschwert und endlich friedevoll. […] Die Straße war eine Allee in Rosa und Weiß, und darüber hin spannte sich der frische, blaue Himmel. Es war eine andere Welt! Es war ihre Welt.” (119f)

In unserer heutigen Zeit hätte sich Mary bestimmt wohl gefühlt: Zu dem Kino ist noch das Fernsehen mit Hunderten von Kanälen gekommen, Werbung überall, die Leichtigkeit des Seins ist Grundkonstante des Lebens. Und immer noch Verdrängung der Tatsache, dass diese Leichtigkeit auf der Ausbeutung der Natur und der Menschen beruht.

Das unvermeidliche Scheitern der Anständigen

Und wer dieses Leben nicht so leben will, sondern selbstbestimmt, wie Dick Turner, der “sein eigenes Leben leben” (165) will und seine Träume mit seiner Farm verwirklichen will, muss scheitern in seiner Anständigkeit. Mary erkennt bitter: “dieser unverbesserliche, tief anständige Mensch – er hatte niemals eine Chance gehabt.”

Mary dagegen “betrachtete die Farm von außen her und als eine Maschine, die Geld machen sollte” (147) Dick hängt an der Farm und betrachtet sich als ihr zugehörig. Er ist auch bereit, sich auf die afrikanische Wildnis einzulassen und in der Einheit mit Boden, Wind und Wetter zu leben.

Der Nachbar Charlie Sattler ist der Typ Mensch, der Erfolg hat, weil er konsequent und rücksichtslos die Wildnis ausbeutet, um behaglich leben zu können. Und als er erkennt, dass sein Boden am Ende ist, will er Dicks Land kaufen, denn Dicks Boden war “nicht ausgesogen, weil Dick ihn gepflegt hatte” (205). Dick pflanzte Bäume, doch Sattler “fällte seine Bäume und verkaufte sie als Brennholz”. Die Natur hat keinen Eigenwert, und in klarer Erkenntnis dessen, was in der “zivilisierten” Welt von Wert ist, hat er sämtliche Überschüsse aus seiner Landwirtschaft in Bergwerksaktien angelegt.

Tony, der junge Mann aus England, der Dicks Farm übernimmt, erscheint diese Tragödie der Turners daher klar als “ein Symptom der vorwärtsschreitenden Kapitalisierung der Farmwirtschaft in der ganzen Welt und als ein Symptom der Art, wie die kleinen Farmen unvermeidlich von den großen geschluckt wurden.” (215)

Mary sieht das nicht, denn sie hatte nur “gelernt so zu leben wie es ihr ihrem Wesen und ihrer Erziehung nach bestimmt war – allein und sich selbst genug.” (123)

Unreflektiert wie ein kleines Mädchen plappert sie angelernte Klischees nach, wenn sie den Schwarzen von der Würde der Arbeit predigt: Sie sollten “aus Freude tun, was ihnen befohlen ist, sie sollten die Arbeit um ihrer selbst willen tun”.
Denn der weiße Mann arbeite, weil die Arbeit etwas Schönes sei. (137)

Mary und das Geheimnis “Mann”

So sich selbst entfremdet ist Mary unfähig, zu Dick eine Beziehung aufzubauen: Sie “fühlte sich ihm fremd und außerstande, ihm das zu sein, was er entbehrte”. (127) Sagen wir, Nähe und Offenheit, Wärme und Vertrauen.

Mary reduziert Dick auf seine sexuelle Identität als Mann, auf körperliches Verlangen und den Versuch, die Herrschaft in einer Beziehung zu erlangen. Und so, wie sie sich nicht mit der afrikanischen Wildnis als Realität auseinandersetzen will, so ist Sexualität für sie etwas Bedrohliches, das immer auch Macht und Überlegenheit thematisiert.

Moses ist für sie daher eine erschütternde Erfahrung, weil ihr in ihm ein Mann begegnet, der mit seinem riesigen muskulösen Körper männliche Kraft und Überlegenheit ausstrahlt und gleichzeitig sanft und gütig ist. Das verwirrt sie, denn jeden Mann identifizierte sie bisher mit ihrem Vater: “Er kam langsam näher, widerlich und kraftvoll, und nicht nur er, sondern auch ihr Vater bedrohte sie […], gleichzeitig jedoch war es ihr Vater, bedrohlich und abscheulich, der sie verlangend betastete.” (198)

Einem kraftvollen Mann ausgeliefert zu sein und ihm doch vertrauen zu können, ist für sie eine erste “echte” Erfahrung, der Verzicht auf ihre Oberherrschaft über einen Mann, und die Chance, aus ihrer künstlichen städtischen Mädchen-Welt auszubrechen und sich auf die Wildnis ihrer Tiefen-Seele einzulassen: “im Traum hatte er über ihr gestanden, kraftvoll und befehlend, aber gütig.” (187)

Deswegen empfindet sie es auch als Verrat, als sie Moses wegschickt, der ihr beim Ausziehen ihres Kleides geholfen hat (246), und sie weiß, dass sie unfähig ist, sich in einem Mann zu verlieren : “Ich bin immer krank gewesen, solange ich mich erinnern kann. […] und zeigte auf ihre Brust.” (244)

Die gängigen Interpretationsthesen

Unklar bleibt, warum Moses Mary umgebracht hat und wieso sie gewusst hat, dass er sie umbringen musste: “Schon ehe sie tot war, eroberte der Busch die Farm […] Der Busch wußte, dass sie jetzt sterben musste!” (239)

Zwar lässt Doris Lessing Moses befriedigt sein “über seine wohlgelungene Rache” (248), doch es war wohl nicht Marys Peitschenschlag, der ihn zur Rache trieb, wie es der Klappentext zum Taschenbuch vorschlägt: Mary hat Angst vor ihm. Sie ahnt, dass er sich für den Peitschenhieb, der ihn zutiefst gekränkt hat, rächen wird.

Denn auch Moses ist sich entfremdet: Er ist ein Wilder, der in der Missionarsschule lesen und schreiben gelernt hat, der Zeitung liest und der sich Gedanken macht über die Welt, in der er lebt. So fragt er in Bezug auf den Krieg: “Hat Jesus es für richtig gehalten, dass Menschen sich gegenseitig töten?” (186).

Wahrscheinlicher ist daher doch die Annahme, dass ihr “Verrat” ihm deutlich gemacht hat, dass eine Beziehung zu Mary in einer britischen Kolonie nicht möglich ist, dass er nie Zugang zur Welt der Weißen bekommen wird, und dass andererseits der Eingeborenen-Kral nicht mehr seine Heimat ist.

Auch die folgenden Thesen würde ich ablehnen:

There are two particular threads to this book. One is psychological – it looks at the mental suffering of a human being pushed to the limits of his/her ability, particularly when without friends with which to share problems. The other thread is racism. Mary has been brought up to despise native Africans and her constant proximity to the servants puts her in a real dilemma. However, although Lessing describes some situations that made my blood boil and it is clear that she also despises colonialism, yet she doesn’t blame Mary for her feelings; rather it is the fault of society and politics at the time that caused these problems. This was very cleverly balanced. A third thread, although not so obvious, is the position of women in society, particularly in the way that Mary is virtually forced into marriage because of other people’s opinions.