Mika Frankenberg, Die Käferfrau

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009

Da im Verlauf des Romans Käfer nur als Studienobjekte in ihrer Labortätigkeit als Wissenschaftlerin auftauchen, Dörte Martens aber, die Ich-Erzählerin in diesem Roman, als Käferfrau tituliert wird, ist man zunächst mal irritiert. Wie der folgende Leser:

Käferfans werden vermutlich enttäuscht sein, dass die kleinen Krabbler nur Staffage sind, doch wer Lust hat auf einen packenden und witzig geschriebenen Pharma-Thriller mit einer skurrilen Persönlichkeit als Protagonistin ist hier goldrichtig. (http://www.amazon.de/product-reviews/3423246987/ref=cm_rdp_hist_hdr_cm_cr_acr_txt)

Aber die Käfer sind nicht nur Staffage, sondern Ausdruck einer menschlichen Lebensform. Die Nähe zu Kafkas “Die Verwandlung” ist unübersehbar, geht man von folgender Kennzeichnung Samsons aus:

Die auszehrende Tätigkeit, von einem „nie herzlich werdenden menschlichen Verkehr“ gekennzeichnet, nimmt ihn völlig in Anspruch. Wäre er nicht alleiniger Familienernährer, der die Schulden seines bankrottgegangenen Vaters abarbeiten muss, würde er augenblicklich kündigen und dem despotischen Arbeitgeber „vom Grunde seines Herzens aus“ die Meinung sagen. So aber ist er in anscheinend unüberwindbare ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse verstrickt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Verwandlung)

Dörte Martens sieht sich selbst als emotional kalt und eine “frühkindliche emotionale Deprivation” macht es ihr nach dem Attest einer Psychologin unmöglich, “emotionale Nähe zu anderen Menschen” zu empfinden (19).

Sex ist für sie nur Mittel zum Zweck, um zum eigenen Orgasmus zu kommen, und die Augenblicke nach einer “Kopulation” kann sie nur schwer ertragen.

Dörte ist kalt, aber auch die Welt, in der sie lebt, ist kalt

Sie wurde früh schon weggegeben zur Adoption von einer Mutter, die unfähig ist zur Empathie, (237) und einem Vater, dem seine Professoren-Karriere wichtiger war als seine Tochter. Auch die Ersatz-Mütter sind kalt: Ingeborg benützt die Waisenkinder wie Labortiere um ihre Doktorarbeit zu schreiben: Die Auswirkungen kontrollierter intellektueller Stimulation auf eine Gruppe von mäßig bis schwer retardierten Kindern im Vorschulalter (261), und letztendlich wurde sie makabrerweise Professorin für Entwicklungspsychologie. Die andere will sich mit dem adoptierten Kind einen Traum von heiler Familie erfüllen, was scheitern muss, weil sie das Kind Dörte nicht um seiner selbst willen lieben kann. Die einzige Ersatz-Mutter, bei der sich Dörte wohlgefühlt hat, war Tante Herta, der aber, weil ohne Bildungshintergrund, das Kind vom Jugendamt weggenommen wird, um es in eine intellektuell stimulierende Umgebung zu setzen, in die der Akademikerin Ingeborg.

In der Arbeitswelt herrschen Kälte und Egoismus

Die Pharmafirma, in der sie arbeitet, ist strikt am Profit orientiert und finanziert nur die Forschungsleistung, die satten Profit verspricht. Goldene Nase, der Chef ihrer Forschungsabteilung, erklärt Dörte unumwunden: “Bringen wir ein echtes Heilmittel, brechen uns die Gewinne ein”. Da sie (wie Samson) ökonomisch abhängig ist und ihr Vertrag sonst nicht verlängert wird, startet sie zähneknirschend ein Alzheimer-Projekt nach der “Weise der Lohnsklaven”.

Dass es eine Forschergemeinde gibt, die sich uneigennützig dem Fortschritt des Wissens widmet, ist für Dörte nicht mehr als ein überholter Mythos. Die internationale Netzgemeinde der Wissenschaft ist abhängig von einer jungen, hippen “Garde von Management-Strategen, die in nichts als der Heilslehre amerikanischer aktienkursanbetender Betriebswirtschaft ausgebildet sind (38).

Verbittert fragt sie sich zuletzt, wie es sein kann, “dass Fälscher und Betrüger unbehelligt bleiben, während ich, die Aufdeckerin ihrer Machenschaften, mich als Arbeitslose auf dem Amt schikanieren lassen muss?” (325)

Nicht nur Dörte wurde in dieser Welt verbogen

Auch die beiden Menschen, die sich ihr uneigennützig nähern, sind Opfer:

Der dickliche, um 5 Jahre jüngere Russe, der intensiv um Dörte wirbt, hat Forschungsergebnisse seiner Doktorarbeit auf Druck beschönigt, um seinen Doktor machen zu können und um auf einen festen Arbeitsplatz in der Pharmaindustrie hoffen zu können.

Petra, die sie als 15-jährige in Osnabrück im Regen kennenlernte, schmalgesichtig, blass, langgliedrig in selbst-gestricktem Schlabber-Pullover, mutierte zur “Gorch-Fock”, die sich durch unzählige Schönheitsoperationen tief verschuldet unsicher in vollen Segeln durchs Leben laviert und nichts dagegen hat, von einem Rechtsmediziner angebaggert zu werden, der nur auf der Suche nach “Frischfleisch” ist: “Geld macht bekanntlich sexy. Ich bin eine arme Kirchenmaus und brauche einen Mann mit dickem Gehalt.” (208) Sie findet sich langweilig und durchschnittlich und schrecklich fett und hat daher ihren Körper am Geschmack des deutschen Durchschnittsmanns gestylt, der an operierten amerikanischen Berufsschönheiten und animierten Kunstprodukten in Computerspielen geschult ist.

So ist es nicht verwunderlich, dass Dörte Insekten lieber mag als Menschen und sich in ihrer Wohnung verschanzt: “allein in meiner Fluchtburg” (33). Es ruft sie nie jemand an und drei Fernseher, die ständig laufen, vermitteln ihr die Illusion, “dass meine Seele ein Fenster nach außen hat. Dass ich nicht allein bin.” Die Menschen in ihrem Leben sind “Sternschnuppen, denen kosmische Konstanten es verbieten”, sie zu erreichen und mit “ihrem Licht zu wärmen” (257).

Liebe in einer Insekten-Welt

Im Gegensatz zu Kafka aber thematisiert Mika Frankenberg Freundschaft und Liebe als Überlebensmöglichkeit in dieser kalten (Insekten-)Welt. Metamorphose begreift sie im Käfer-Dasein nicht als Fluch, sondern als Chance.

“Käfer sind Käfer nur für den Bruchteil ihres Lebens” (89) Viel länger existieren sie als Larven, unscheinbar bis hässlich, und Dörte fragt sich, ob ob so ein Käfer sein Larven-Ich als sein eigentliches Ich betrachten würde oder nur als ein kurzes Zwischenspiel im Übergang zum Tod. Die Metamorphose Dörtes zum erwachsenen Käfer ist aber nur unvollständig geglückt, das Larven-Ich des Heimkindes will sich nicht wandeln.

Doch während sich Samson in sein Käfersein ergibt, deutet Frankenberg eine Lösung an, entsprechend der Abfolge der Themen im Untertitel: Die Käfer, der Russe, die Liebe und ich.

Obwohl sie sich rational gesehen im Klaren darüber ist, dass sie mit dem Russen nur schläft, weil es bequemer ist, mit ihm zu schlafen, als am Bahnhof Männer aufzureißen, und weil sein Körpergeruch aus immunologischen Gründen attraktiv für sie ist, empfindet sie zu dem Russen etwas, das ihr “geheimnisvoll, schmerzhaft und immens wichtig” erscheint. Sie schläft mit ihm, auch wenn sie nicht zum Höhepunkt kommt oder wenn er erkältet und fiebrig ist.

Der Russe und Petra sind die einzigen Menschen, die es ein zweites, drttes Mal mit ihr versucht haben, und in ihrer harten Käferschale diagnostiziert sie nüchtern: “Der Russe ist krank. Sonst litte er nicht an einer romantischen Fixierung an eine kalte, berechnende, fünf Jahre ältere Frau. die seinen warmen, lebendigen Körper, seinen Mund und seinen Schwanz benutzt, bis sie genug hat und ihn fallen lässt.” (33)

Mit seiner wärmenden Liebe hilft er ihr, sich aus dem lähmenden Trauma ihrer Kindheit und ihrer ängstlichen Bindung an die leibliche Mutter zu befreien. Sie hofft sogar, die Blindheit der Mutter, die nur sich selbst, aber andere Menschen nicht sehen kann, nicht geerbt zu haben (297) und anerkennt die Fürsorge durch Tante Herta, der sie hilft, einigermaßen würdevoll zu sterben. Auch wenn Tante Herta nur noch stumm und gelähmt daliegt und wie Samson nur noch lieblos versorgt und gepflegt wird, empfindet Dörte Wärme und Mitgefühl für sie.

Ihr stellt sie dann auch Viktor Gavrilov vor, “meinen Freund”, auf den sie sehr stolz ist, und der ihr noch eine zweite Chance gegeben hat (331). Als dann nach drei Monaten erniedrigender Arbeitslosigkeit eine Stelle für ein Käfer-Forschungsprojekt an der Universität Münster ausgeschrieben wird, ermutigen sie Petra und Viktor, sich zu bewerben. Sie wären sogar bereit, mit ihr nach Münster zu ziehen und Viktor erwägt sogar die Möglichkeit eines Schwangerschaftsurlaubs für Dörte …

“Ein Neuanfang als Rückkehr zu den Käfern” ist für Dörte zwar nicht die perfekte Lösung, aber ihre Käfer-Metamorphose ist geglückt und sie kann sicher fühlen: Alles wird gut (333).